11.12.2020

Trauerkultur im Wandel

Bild Friedhof

Rede unserer Stadtverordneten Sabine Leithäuser zum Magistratsantrag Opens external link in new window„Grundhafte Sanierung der Trauerhalle „Neuer Friedhof“ durch Teilabriss“

Wie umgehen mit der maroden Trauerhalle auf dem neuen Friedhof?

Aus funktionalen, technischen und ökonomischen Gründen ist eine Sanierung nicht sinnvoll.  Die ESO hat dies ausführlich und nachvollziehbar dargestellt.

Auf diese Aspekte muss und möchte ich deshalb hier nicht eingehen - mir geht es um den Verlust, um Wandel und um das Neue.

Mit einer Zerstörung der Trauerhalle geht ein großer kultureller Verlust einher. In unserer heutigen Entscheidung sollten wir uns dessen bewusst sein.

Als ich vom möglichen Abriss hörte, war ich sehr schockiert, meine spontane Reaktion war: „Das geht doch nicht, das kann man doch nicht machen!“

Wie kam es, dass ich so emotional und absolut reagierte?

Ich gehe auf zwei Themen ein: die Architektur und die Trauerkultur.

Die Trauerhalle ist ein herausragendes Bauwerk ihrer Zeit. Im Zusammenwirken mit ihren wertvollen Fenstern vermittelt sie eine ganz besondere und sakrale Atmosphäre; mir persönlich hat der Raum künstlerisch immer sehr viel gegeben. 

Gleichwohl: er steht nicht unter Denkmalschutz.

Und so hervorragend die Architektur in sich ist, sie ist ein Werk aus dem Betonbrutalismus - der wird heutzutage überwiegend negativ wahrgenommen.

Die Trauerhalle verkörpert eine bestimmte Trauerkultur; eine Trauerkultur, in der ich selbst groß geworden bin und die mich berührt. Ein Abriss bedeutet für diese Trauerkultur einen weiteren Verlust.

Aber unsere Gesellschaft verändert sich, sie ist selbstbewusster, bunter und vielfältiger geworden.  Und auch Bestattung und Trauer befinden sich in einem kulturellen Wandel.

Es hat sich eine Kultur etabliert, in der die Menschen stärker ihren Gefühlen vertrauen und sich neue Rituale suchen, um Trauer und Betroffenheit gemeinsam mit anderen auszudrücken. Und: die Trauergesellschaften werden kleiner.

Die heutige Trauerhalle wird den vielfältigen und geänderten und sich noch immer ändernden Bedürfnissen nicht gerecht.

Wie sollte man es heute machen?

Es liegt der Entwurf eines entsprechend erfahrenen Architekten vor, eine Halle, intim genug für kleinere Trauerfeiern, aber sie kann erweitert werden. Ein Entwurf, der auch würdevolle Räume anbietet für andere Trauerformen.

Die Neugestaltung muss von den Menschen angenommen werden, muss mit Ihnen diskutiert werden.

Wir möchten, dass Fachleute in den Planungsprozess einbezogen werden: Menschen, die mit Trauerbegleitung vertraut sind und ihre Entwicklung berücksichtigen: das sind z.B. Kirchen und Glaubensgemeinschaften, aber auch Pietäten und TrauerrednerInnen.

Auch der Gestaltungsbeirat muss einbezogen werden – wir erwarten uns von ihm auch hier wertvolle Impulse.

So haben wir die Chance auf einen neuen würdevollen Ort, einem Ort, an dem die Menschen - jeweils auf ihre Weise - gut Abschied nehmen können.

Ich stimme dem Antrag zu - mit schwerem Herzen und Zuversicht.

und schließe mit einer Zeile aus  Herrmann Hesses bekanntem Gedicht "Stufen", in dem es um schmerzhafte aber notwendige Abschiede geht:

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne"

URL:https://www.gruene-offenbach.de/start/start-einzelansicht/article/trauerkultur_im_wandel/